Interview – Jari-Matti Latvala: Weltmeistertitel? Ich arbeite daran!

  • Rally Sweden 2014Latvala über den WM-Kampf zwischen ihm und Weltmeister Sébastien Ogier
  • Der Finne hat einen großen Traum für 2014: Rallye-Weltmeister werden
  • Was „JML“ mit seinem Idol Henri Toivonen gemeinsam hat

Volkswagen Werkspilot Jari-Matti Latvala (FIN) hat bei der Rallye Schweden seinen ersten Saisonsieg im Polo R WRC gefeiert. Der Finne übernahm dadurch zusammen mit Co-Pilot Miikka Anttila (FIN) zum ersten Mal in seiner Karriere die Gesamtführung in der FIA Rallye-Weltmeisterschaft (WRC). Bei der Rallye Mexiko möchte Latvala die Führung vor seinem Teamkollegen Sébastien Ogier (F) verteidigen. Im Interview spricht der WM-Führende unter anderem über den Kampf zwischen ihm und dem aktuellen Weltmeister, über seinen neuen Mentaltrainer, sein großes Idol Henri Toivonen und seinen ganz großen Traum.

Jari-Matti Latvala, Gratulation zum ersten Sieg in dieser Saison. Wie fühlen Sie sich nach diesem Triumph?
„Der Sieg in Schweden war ein besonderer Moment für mich. Es ist die einzige Rallye in der Rallye-WM, die ich drei Mal gewonnen habe. 2008 habe ich in Schweden außerdem meinen ersten WRC-Erfolg gefeiert. Während der Rallye Schweden gab es aber auch kritische Momente. Zum Beispiel am Freitag, als ich auf der Wertungsprüfung ‚Hagfors Sprint‘ Zeit verloren habe und Andreas (Mikkelsen, Anm. d. Red.) bedrohlich nah herankam. Am Samstag lief aber alles nach Plan und wir haben den Sieg klargemacht. Ich war nach der Rallye Schweden überglücklich.“

Wissen Sie, was Sie mit Björn Waldegård, Stig Blomqvist, Tommi Mäkinen, Kenneth Eriksson und Marcus Grönholm gemeinsam haben?
„Lassen Sie mich kurz überlegen. Ich denke, wir haben die Rallye Schweden mehr als zwei Mal gewonnen. Das ist schon eine besondere Gesellschaft.“

Es ist schwierig, einen WM-Lauf wie in Schweden perfekt zu meistern. Wie gelingt es Ihnen trotzdem, eine so komplexe Rallye zu gewinnen?
„Es ist alles eine Sache der Herangehensweise. 2008 waren die Bedingungen ähnlich – viel Schotter zwischen den matschigen Schnee- und Eispassagen. Solche Bedingungen scheinen mir zu liegen. Vergleicht man so eine Rallye mit einer Rallye auf Asphalt, dann gibt es erhebliche Unterschiede. Man muss in Schweden Ruhe bewahren und eine saubere Linie fahren. Anfangs hatte auch ich in Schweden damit meine Probleme, doch im Laufe der Rallye habe ich das in den Griff bekommen. Was ich außerdem betonen möchte: Volkswagen gibt all seinen Fahrern die gleichen Chancen. Jeder von uns hat die Möglichkeit, um den Sieg zu kämpfen – ganz ohne Teamorder. Das spiegelt sich auch in der Atmosphäre innerhalb unseres Teams wider. Das Team hat einfach großartig gearbeitet.“

In Mexiko kommt die erste Schotter-Rallye der Saison auf Sie zu. Wie bereitet sich  Volkswagen darauf vor?
„Wir haben uns für die Rallye Mexiko zwei Tage in Spanien vorbereitet. An einem Tag saß ich am Steuer, am anderen Sébastien. Séb kann sich auf neue Bedingungen wahnsinnig schnell einstellen. Schneller als ich. Ich brauche ein bisschen Anlauf auf Schotter. Deshalb nutze ich oftmals den Shakedown, um mich an den Untergrund zu gewöhnen. Genauso war es bei der Rallye Großbritannien in der vergangenen Saison. Wenn ich zwei Monate nicht auf Schotter unterwegs war, merke ich das sofort.“

Was erwarten Sie von der Rallye Mexiko?
„Natürlich gibt mir der Sieg Extraselbstvertrauen. Zugleich muss man als Führender aber auch Realist bleiben. Wenn man sich in Mexiko einen Fehler erlaubt, hat man mit dem Sieg nur noch wenig zu tun. 2012 bin ich mit einem Sieg in Schweden nach Mexiko gereist. Damals hatte ich ein super Gefühl für die Rallye Mexiko, bin dann aber leider ausgeschieden. Man muss einfach sehen, dass man so viele Punkte wie möglich mitnimmt. Es ist nicht meine stärkste Rallye, aber natürlich: Ein Sieg ist möglich, aber nicht mein Hauptziel. Ein Podiumsplatz wäre schon super.“

Sie sind der neue Führende in der Rallye-WM. Gibt es nun einen großen Kampf zwischen Ihnen und Sébastien Ogier?
„Das hoffe ich. Aber eines ist sicher: Séb wird schon in Mexiko verdammt hungrig auf den Sieg sein. Ich möchte natürlich ebenfalls Weltmeister werden. Das ist mein ganz großer Traum. Dafür braucht man ein perfektes Gesamtpaket und daran arbeite ich. Es gibt aber auch noch andere Fahrer, die diesen Traum haben, und deswegen schauen wir erst einmal von Rallye zu Rallye. Séb ist richtig stark. Wenn man ihn schlagen möchte, muss man konstant seine Leistung bringen, auf allen Untergründen.“

Was haben Sie bei der Rallye Schweden gedacht, als Sébastien Ogier einen Fehler gemacht hat?
„Er ist auch nur ein Mensch. Klar, wenn man sich die vergangene Saison vor Augen führt, dann hat man den Eindruck, dass Séb keine Fehler macht. Ich bin davon überzeugt, dass sich jeder Fahrer mal bei einer Rallye einen Fehler leistet. Noch mal: Wir sind alle nur Menschen.“



Mit guten Leistungen erhöhen Sie den Druck auf Ihren Teamkollegen …
„Man schaut als Fahrer natürlich auf die Leistungen seiner Teamkollegen. Als Sébastien im vergangenen Jahr so schnell war, stand ich auch stärker unter Druck. Trotzdem denke ich, dass wir Profis sind und mit dem Druck umgehen können.“

Haben Sie Angst vor Sébastien Ogier?
„Er ist ein sehr starker Fahrer. Auch mental. Er fühlt sich auf allen Untergründen wohl. Er ist zwar sehr schwer zu schlagen, aber trotzdem darf man niemals Angst haben. Wenn man Angst hat, erreicht man gar nichts. Man darf Respekt vor anderen Fahrern haben, aber keine Angst. Wie gesagt: Um die Weltmeisterschaft zu gewinnen, muss man konstant gute Leistungen bringen.“

Sie arbeiten in dieser Saison mit einem Mentaltrainer. Was hat sich für Sie dadurch verändert?
„Ich höre mehr auf mein Gefühl. In der Vergangenheit wollte ich manche Rallyes unbedingt gewinnen. Das ist dann oft schiefgegangen – ich wollte zu viel. In solchen Momenten ist das Selbstvertrauen gleich null. Mein Mentaltrainer hat mir beigebracht, dass man auf sein Gefühl hören muss. Ist dieses nicht optimal, sollte man besser einen Gang zurückschalten. Ein weiterer Punkt ist, dass ich mit Miikka, meinem Beifahrer, wesentlich mehr kommuniziere. Wir haben jetzt eine Strategie, einen Plan. Die Zusammenarbeit könnte nicht besser sein. Er interveniert, wenn ich mal wieder zu viel will. Das war zu Beginn unserer gemeinsamen Karriere noch nicht der Fall.“ (lacht)

War es Ihre Idee, mit einem Mentaltrainer zusammenzuarbeiten?
„Es war die Idee des Teams. Das Team kam auf mich zu und meinte, dass ich mich in diesem Bereich noch verbessern könne. Christopher ist dann bei der Rallye Großbritannien mein Mentaltrainer geworden und ich vertraue ihm seitdem zu 100 Prozent. Ich habe von ihm gelernt, wie ich den Fokus auf etwas lege, und wenn ich meinen Fokus verliere, wie ich ihn wieder zurückbekomme. Außerdem war ich vor manch einer Rallye ein bisschen zu aufgeregt. Er hat mir beigebracht, eine Rallye entspannter anzugehen. Ich möchte nicht zu sehr ins Detail gehen, aber das habe ich vor allem durch Entspannungs- und Konzentrationsübungen geschafft.“

Zuletzt hat Volkswagen die Rallye dominiert. Glauben Sie, dass sich diese Dominanz auch auf Schotter fortsetzen wird?
„Es gibt vier Marken in der Rallye-WM. Wenn ich mir Hyundai anschaue, dann muss man sagen, dass sie schon gut unterwegs sind, zur Spitze aber wohl noch ein bisschen Zeit benötigen. Volkswagen konnte vor seinem Debüt viel mehr Erfahrung sammeln. Ich bin aber davon überzeugt, dass das ein oder andere Team in dieser Saison noch glänzen wird.“

Ihr Landsmann Marcus Grönholm wurde 2002 Rallye-Weltmeister. Wird es nicht langsam wieder Zeit für einen finnischen Weltmeister?
„Es bedeutet schon ein bisschen Druck für mich, dass seit zwölf Jahren kein finnischer Fahrer mehr Weltmeister geworden ist. Über 20 Jahre verteilt, wurde ein Finne immer wieder mal Rallye-Weltmeister. In Finnland haben die Leute schon hohe Erwartungen an mich, auch wenn der Rallye-Sport ein wenig an Popularität eingebüßt hat. Sollte ich den Titel holen, würde sicherlich auch wieder die Beliebtheit des Sports in Finnland steigen.“

Sie sind ein großer Fan von Henri Toivonen. Möchten Sie auch für ihn Weltmeister werden?
„Es gibt ein paar Parallelen in Henris Karriere und meiner. Er gewann als junger Fahrer seine erste Rallye und wurde dann immer erfahrener. In seinem Todesjahr 1986 gewann er die Rallye Monte Carlo und führte lange Zeit bei der Rallye Schweden. Er hatte einen super Saisonstart. Auch wenn er mein Idol ist, ist es nicht so, dass ich für ihn Weltmeister werden will. Für mich war er der tapferste Fahrer zu seiner Zeit. Niemand konnte ein Auto der Gruppe B so fahren wie er. Manchmal wollte er einfach zu viel.“






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